Wer ist und was schreibt die Staatsschreiberin?

„Aus dem Leben einer Staatsschreiberin“ hiess der Titel der jüngsten Veranstaltung der FDP.Die Liberalen Seniorinnen und Senioren Aargau – mit dem vieldeutigen Zusatz: „Eine Gesamtsicht“. Darauf legte die Referentin Vincenza Trivigno Wert, um die Breite und Vielschichtigkeit ihrer Aufgabe anzudeuten. Das über 60-köpfige Publikum lernte eine vitale Persönlichkeit kennen.

Bildlegende Vincenza Trivigno spielt im Staat Aargau eine Schlüsselrolle. Bild H.P.W.

Vincenza Trivigno ist als Nachfolgerin von Peter Grünenfelder seit 2016 im Amt, die erste Staatsschreiberin in der Geschichte des Kantons Aargau und ausnahmsweise eine Nichtjuristin auf diesem Posten. Die 39-jährige gebürtige Oltnerin studierte Volkswirtschaft und Soziologie sowie europäisches und internationales Wirtschaftsrecht. In das aargauische Regierungsgebäude brachte sie vielseitige berufliche Erfahrungen aus der Bundesverwaltung, Privatwirtschaft und Verbandspolitik mit. Unter anderem war sie Referentin von Bundesrat Pascal Couchepin, Mitarbeiterin bei Syngenta, Vizepräsidentin für Wirtschaftsfragen und geistiges Eigentum bei Interpharma, Kommunikationschefin bei Stadler Rail und zuletzt Generalsekretärin der Zuger Gesundheitsdirektion. Sie bezeichnete sich selbst als Generalistin.

Managerin statt Schreiberin

Galten Staatsschreiber zu früheren Zeiten noch als wirkliche Schreiber – historisches Beispiel war der Dichter Gottfried Keller, der 15 Jahre lang neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit als Zürcher Staatsschreiber wirkte –, so ist dieses Amt inzwischen eine Stabschef-Funktion mit Koordinations- und Managementschwerpunkten. Immerhin stellte Vincenza Trivigno noch die rhetorische Frage: „Was schreibt die Staatsschreiberin eigentlich?“ Nun, sie respektive ihr Stellvertreter Urs Meier verschriftlicht die Regierungsbeschlüsse. Aber sie bekleide kein politisches Amt, betonte die Referentin. Im Gegensatz zu einst, als der Staatsschreiber trotz einem viel engeren Tätigkeitsfeld noch als eine Art sechster Regierungsrat galt, scheint die parteipolitische Herkunft heute keine besondere Rolle mehr zu spielen.

Als Chefin der Staatskanzlei dient die Staatsschreiberin in erster Linie dem Regierungs-Gesamtkollegium. Sie verkörpert die Scharnierfunktion zwischen Politik und Verwaltung und die Schnittstelle zum Parlament. Zu ihren Hauptaufgaben gehören die Vorbereitung der Regierungssitzungen, die Gewährleistung der interdepartementalen Zusammenarbeit, die Sicherstellung der Rechtsberatung, des Beschwerdedienstes und der Kommunikation, die Organisation der Wahlen und Abstimmungen sowie die Vorbereitung und Koordination der politischen Planung, Strategien und Aussenbeziehungen des Kantons.

Staatshaushalt und Digitalisierung

Als aktuellste Herausforderungen der Mittelfristplanung bezeichnete Vincenza Trivigno die Digitalisierung des vielschichtigen Staatsbetriebes bis hin zu allfälligen personalstrategischen Teilzeit- und Home-Office-Lösungen sowie die Haushaltsanierung mit dem Ziel, das strukturelle Defizit des Kantons in den Griff zu bekommen. Der mit Sondereffekten zusammenhängende, überraschend gute Rechnungsabschluss 2018 dürfe nicht über die relativ schwache Finanzstruktur des Aargaus hinwegtäuschen, was sich auch in dem unter dem Landesdurchschnitt liegenden Zuwachs des kantonalen Pro-Kopf-Bruttoinlandprodukts (BIP) ausdrücke. Der Aargau, so die Staatsschreiberin, habe in den letzten 15, 20 Jahren punkto Finanzkraft rückwärts gemacht. Die Regierung gehe das Problem aus gesamtheitlicher Sicht mit 14 Reformmodulen an. Einsparungen allen genügten jedoch nicht, auch die Erträge müssten erhöht werden…

Über das Ressourcenproblem wollten die FDP-Seniorinnen und Senioren – unter ihnen vor allem auch ehemalige Regierungs- und Grossräte, die selber mit Sparprogramm befasst waren – noch mehr erfahren. Zum Beispiel, wie der Kanton die Steueraufteilung für bedeutende Firmen mit ausserkantonalem Sitz, aber grossen Produktions- oder Logistikstandorten im Aargau, zu verbessern gedenke. Oder, wie er sich dem Bund und den deutschen Nachbarn gegenüber zur Frage von stärkeren Sozialleistungsverpflichtungen einbringe, die mit der grossen Zahl von Grenzgängern im Aargau an Aktualität gewinnen dürfte. Die Referentin nahm dazu zurückhaltend Stellung.

Am Schluss der Zusammenkunft kündigte Ursula Brun Klemm, die Präsidentin der FDP- Seniorinnen- und Senioren-Vereinigung, eine nächste Informations- und Diskussionsveranstaltung am 16. Mai im „Schützen“ Aarau zum sensiblen Thema Kinder- und Erwachsenenschutz (KESB) an.
 

Hans-Peter Widmer, ehem. Redaktor und FDP-Grossrat, Hausen, hanspeter.widmer(at)hispeed.ch

Nächste Senioren-Anlässe: Im Mai: Podium über die KESB; im September: Besichtigung Bad Schinznach; 21. November: Referat von Nationalrat Thierry Burkart.